Mit dem Fahrrad auf der Daten-Autobahn

Die „Datenautobahn“. Ein vergessener Begriff? Politiker und Nachrichtensprecher nutzten ihn als Metapher für das Internet. Er stammt aus Zeiten, in denen das Internet neu und exotisch war. Apple verkaufte damals Heimcomputer-Kits zum selber schrauben. Die meisten Menschen hatten Telefone der Post im Haus. „Social Media“ hieß noch „Geocities“. Das Auto war in Deutschland der ultimative Vergleichsmaßstab aller Technik. Was gut und technisch war, war Autobahn. Vergangene Zeiten. Wirklich?

Das Auto hat seinen Platz als Sinnbild für technischen Fortschritt verloren. Autobahnen werden noch gebaut. Sie haben aber ihren Zauber eingebüßt. Die Faszination der Technik besteht weiter. Nur faszinieren jetzt Smartphones und „intelligente“ Lautsprecher. Die Augen leuchten bei selbstfahrenden Rollern und personalisierten Whats-App-Familiengruppen.

Wer von Autos spricht, kann auch von Dampfmaschinen sprechen. Es wirkt weit weg. Aber gerade dieser Abstand ermöglicht Einsichten. Die Autobahnmetapher für das Internet ist passender, als es auf den ersten Blick scheint. Autobahnen wurden über Jahrzehnte von Apologeten und Anhängern des Fortschritts ohne Rücksicht auf Verluste propagiert. Menschen, berauscht von der Geschwindigkeit und ihrer eigenen Schaffenskraft unter dem Banner des Fortschritts bauten das Bauwerk überhaupt für den Autoverkehr.

Geschenke für die Menschheit

Dabei haben Auto und die Autobahn der Menschheit unschätzbare Vorteile gebracht. Sie haben Menschen zusammengebracht. Sie ermöglichten eine vorher ungeahnte körperliche und geistige Mobilität. Sie verschafften ihren Nutzern verblüffende Möglichkeiten und Freiheiten.

Ebenso wie das Internet und alles was darauf folgte.

Die Autobahnen begannen harmlos. Menschen fuhren in ihrer Freizeit zu den Schnellstraßen. Sie picknickten gemütlich an deren Rand. Gelegentlicht schauten sie ehrfurchtsvoll auf ein vereinzelt vorbei fahrendes Auto.

Das Blog hätte ich "mit dem Kajak vor dem Containerschiff" heißen können.
Das Blog hätte auch „mit dem Kajak zwischen den Containerschiffen“ heißen können.

Das Netz begann harmlos. Menschen riefen begeistert von den Möglichkeiten eine der 100 existierenden Webseiten auf. Sie warteten mehrere Minuten, bis ein Bild erscheinen war. Sie jubelten, wie einfach eine Information zu bekommen war.

Mit der Entwicklung kam die Lebensfeindlichkeit. Die Datenautobahn, das Internet, entwickelt sich immer mehr zum Unort. Masse und Macht drohen den einzelnen Menschen zu überwältigen. Reflexion tut not wie der Mensch an sich sich diesem Ansturm erwehren kann.

Hier im Blog geht es um den Menschen mit seinen einfachen fassbaren Hilfsmitteln, dem metaphorischen Fahrrad, der sich auf diese Datenautobahn begibt.

Nicht retro

Dieses Blog wird nicht retro sein. Keinesfalls möchte es zurück zu den Zeiten vor dem Internet. Zu sehr habe ich selber die Befreiung und den unfassbaren Möglichkeitsraum im Hinterkopf, den mir das Internet verschaffte. Oder wie ein Freund sagte „in meiner Jugend gab es noch kein Google. Und ich habe es vermisst.“ Aber es wird sich nicht dem Fortschritt an den Hals werfen. Hier herrscht der Geist enthusiastischer Skepsis.

Ähnlich wie die Verkehrspolitik inzwischen von Fahrradschnellwegen, erweiterten Fußgängerzonen und öffentlichem Nahverkehr redet, richtet dieses Blog sein Augenmerk auf den Menschen. Wie lässt sich das Netz, im kleinen wie im großen, so gestalten, dass es menschlichen Maßstab behält. Wie lässt es sich so denken, dass es eine lebenswerte Umgebung ist, in der Menschen sich entfalten können.

Was gut ist.

Das Internet ist großartig. Deshalb soll am Anfang des Blogs eine kleine unvollständige Auflistung seiner Vorteile stehen. Ich kann in Sekunden nachschlagen, dass das Feldwespennest am Haus vollkommen harmlos ist. Oma-Enkel-Gespräche über Skype sorgen für allgemeine Freude. Die Möglichkeit, per App den nächsten ÖPNV zu finden, hat Menschen in scheinbar verlassenen Gegenden geholfen.

Wie das Netz auch den Einsamen half: Wie viele Menschen mit Interessen und Neigungen in Nischen haben entdeckt, dass es Gleichgesinnte gibt? Wie viele Menschen haben erkannt, dass sie kein Leben in unverstandener Einsamkeit führen, sondern Geistesverwandte finden können. Wie viele Leben wurden gerettet, weil medizinisches und hygienisches Grundwissen in wenigen Sekunden verfügbar ist. Das gilt es zu bewahren.

Menschliches Maß

Zunehmend entscheidet eine Dynamik in der Größe alles übertrumpft. Eine Dynamik, die die Menschen mitschleift. Der Ansatz des Blogs wird vielfältig sein: Wo hat das Netz menschliches Maß? Wo hat es jede Rücksicht verloren, wo gleicht der Datenstrom der zweistöckigen zehnspurigen Autobahn, die sich durch ein Wohngebiet fräst? Wo in der Geschichte des Netzes lagen und liegen Ansätze zu Beidem? Wie lässt sich menschliches Maß wiederherstellen: im Großen und im Kleinen. Es wird geschrieben von Menschen mit den fast überholten Mitteln des Blogs. Oder anders gesagt: auf mit dem Fahrrad auf die Datenautobahn und aufmerksam darauf achten, was wir sehen werden.