DDR-Eierbecher aus der Sammlung des Museums Europäischer Kulturen. Aus Kunststoff, in der Form von Hühnern. Einer in rosa, einerin hellblau.

Wikipedia im MEK forscht zum Dudelsack der DDR

Schafe grasen auf dem Dach. Schafe. Mitten in Berlin. Metropolenschafe. Berghain-Schafe. Berlin-Schafe. Dort, wo die Stadt zwar auszufransen beginnt, ist noch Stadt. Der Blick aus den Hinterzimmern des Museums Europäischer Kulturen bietet Einblicke und Ausblicke.

Zum Beispiel auf das Dach der nahe gelegenen Veterinärmedizin der FU Berlin. Dort grasen Schafe auf dem Dach. Schafe, deren Daseinsgrund bereits gerichtlich überprüft wurde. Sie grasen dort auf dem Dach seit 1960.


Wiki goes MEK

Wir sehen sie aus dem Museum Europäischer Kulturen – dem letzten Museum des einstigen Museumsviertels in Dahlem. Während die Außereuropäischen Kulturen unter Getöse in das Berliner Stadtschloss ziehen wollen, bleiben wir im Grünen.

Dank des Wikipedianers Julius1990, den Mitarbeiterinnen des Museums wie Jana Winterzellner und dank Wikimedia Deutschland ziehen wir bereits zur Dritten Veranstaltung „Wikipedia goes MEK“ ein. 2017 fand diese zum Thema „Spielzeug“ statt, 2018 zum Thema „Hochzeit“, 2019 zur „Alltagskultur in der DDR.“ Aber das ist nur Anlass. Gibt es doch mehr. Wir genießen Aus- und Einblicke.


Wir sind dort, wo das Museum spannend wird. Wir haben das museale Ziffernblatt verlassen und sind im Uhrwerk angekommen.

DDR-Eierbecher aus der Sammlung des Museums Europäischer Kulturen. Aus Kunststoff, in der Form von Hühnern. Einer in rosa, einerin hellblau.
DDR-Eierbecher aus der Sammlung des MEKs. Von Medea7. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Ich wäre der letzte, der den Wert einer Kuratorinnenführung durch die Ausstellung comiXconnection zur Comic-Kultur auf dem Balkan schmälern würde. Selbst dort war einer der Höhepunkte der Comic, den Comiczeichner*innen des Balkans über die Ausstellung gezeichnet hatten. Alle nutzten ein gemeinsames Storyboard. Die einzelnen Episoden zeichneten je einzelne Zeichner*innen. Leserin und Leser sehen der Kunst beim Entstehen zu. Dort wird es spannend. Aber die Ausstellung, trotz aller Einblicke ist noch die gepflegte Schauseite.


Wenn es Nacht wird im Museum

Mein Herz glüht für die Arbeitsseite. Die Hintereingänge. Deshalb bin ich gern im Museum für Alltagskultur.

Dort, wo das Museum lebt. Es ist nicht nur Nachts spannend, sondern tagsüber, sobald es in die Hinterzimmer geht. Vorbei an Lagern, Werkstätten, den Büros, die Mitarbeiter*innen persönlich schmückten. Für mich als gelegentlichen Museumsbesucher immer wieder aufregend. Auch wenn ich inzwischen das Glück besitze, mich bei der dritten Wikipedia-Veranstaltung im Museum Europäischer Kulturen beinahe zu Hause zu fühlen.

Langsam kenne ich den Gang durch den zweiten Stock im Oberbau. Ich weiß, was mich beim Hineinlinsen in die Werkstätten erwartet. Der Geruch wirkt bekannt. Die Mischung als jahrhundertealten Textilien, die dort gelagert werden und einem jahrzehntealten öffentlichen Gebäude, erzeugt bei mir sofort Gedanken an Unis und Bibliotheken.

In mir wächst der Wunsch, mich häuslich einzurichten. Ich freue mich, dieselben Mitarbeiterinnen zu sehen und die Direktorin Elisabeth Tietmeyer. Auch wenn ich im Gang stehen könnte. Mich an der Luft freuen. Am Ende des Ganges wird es noch besser. Denn am Ende des Ganges wartet nicht nur die Rückseite eines Museums, sondern ein kleines Paradies für Wikipedistas: Zeit und Bücher und Internet.

Der Dudelsack in der DDR

Habt Ihr Euch Gedanken zum Dudelsack-Selbstbau in der DDR gemacht? Ich nicht. Bis mir der Handapparat zur Veranstaltung in die Hände fiel. In diesem stand das Buch „Volkes Lied und Vater Staat. Die DDR-Folkszene 1976-1990.“ Nun hatte ich die eine oder andere Berührung mit der Musik der späten DDR und der Wendezeit. Die Folkszene bildete bisher eine Bildungslücke. Nicht mehr.

Einige Bücher aus dem Literaturapparat auf dem Tisch. Unter anderem "Volkies Lied und Vater Staat", "Tanzmusik in der DDR" und "Kulturgeschichte der DDR"
Kleine Teile des Literaturapparats zur Wikipedia-goes-MEK-Veranstaltung. Bild: Holger Plickert (WMDE) . Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Mit Ralf Gehler schrieb ein Bastler und Freak in „Volkes Lied und Vater Staat“ über das Dudelsackspiel. Unter den Bedingungen der DDR schloss Dudelsackspielen zwingend den Selbstbau von Dudelsäcken ein. Der Dudelsack passte nicht in das verordnete Kulturprogramm. Dudelsäcke aus Schottland oder Frankreich, waren selten. Sie zu erhalten erforderte Aufwand. Anscheinend war jeder einzelne Dudelsack aus Schottland in der DDR der gesamten Folkszene des Landes persönlich bekannt.

Die Haupteinflüsse auf die Szene bildeten Bulgarien, das lange die Hauptquelle für Instrumente bildete und die CSSR. Das Festival von Strakonice (bei Budweis) bildete das zentrale Festival, auf dem sich die ostdeutschen Dudelsackspieler trafen und die beste Chance, die Szene aus dem östlichen und westlichen Ausland zu treffen.

Dabei erfährt der Leser nebenbei, wie groß die Welt der Dudelsäcke ist, in wie vielen verschiedenen Varianten sie gebaut, gestimmt und gespielt werden können. Der allseits bekannte schottische Sack bildet einen Spezialfall ab. Dabei nutzten die DDR-Spieler in den Anfangsjahren vor allem bulgarische und tschechische Dudelsäcke. Seit den späten 1970ern kamen immer mehr selbst gebaute Instrumente, hinzu. In Repertoire und Spielweise orientierten sie sich an Westeuropa, Frankreich, Belgien und Schottland.

Wie eigen das Leben in der abgeschotteten DDR war, lässt das Buch an zwei Stellen aufscheinen: Eine wichtige Quelle für die gesamte Dudelsackszene der DDR war ein einzelner Kellner im Restraurant des bulgarischen Kulturinstituts und:

„Bernd Eichler berichtet, dass eine Dudelsackformation alljährlich auf DDR-Territorium musizierte, an den Gräbern im Ersten Weltkrieg gefallener britischer Soldaten auf dem Waldfriedhof Stahnsdorf. Einige Dudelsack-Interessierte nutzten alljährlich den Termin, um das Spiel zu erleben.

Aber auch: wenn man von der Welt abgeschnitten ist und jeder Kontakt Aufwand bedeutet, entwickelt sich eigene Kreativität. Vielleicht war die DDR-Folkszene eine der ersten Entwicklungen der DDR, die nach der Wende Gesamtdeutschland prägten. Historische und Folkloremärkte entwickelten sich seit den 1970ern in der DDR. Hier fanden die Dudelsackspieler Auftrittsmöglichkeiten.

DDR-Dudelsackszene als gesamtdeutsche Avantgarde

Roman Streisand entwickelte ein von Punk und Theater geprägtes Bühnenformat. Das Format bestimmte nach der Wende Mittelaltermärkte- und Musik in Deutschland. Kostüme mit Fellen, Hörnern und rustikal wirkenden Utensilien gehörten zum Auftritt. Ebenso waren wilde Bewegungen und dramatischen Gesichtsausdrücke stilprägend. In der betulich wirkenden Folk-Welt der DDR bedeutete dies einen Stilbruch.

Die „Marktsackpfeife“, heute vorherrschender Dudelsack auf den Bühnen der Mittelalterfestivals, war eine DDR-Entwicklung. Gebraucht wurde ein lauter Dudelsack zur Begleitung von Tanzmusik. Im Ausland wird die Marktsackpfeife inzwischen als „deutscher Dudelsack“ bezeichnet.

Die erste bekannte Mittelalterband, „ Corvus Corax “, ging aus der 1982 gegründeten Potsdamer Gruppe „Tippelklimper“ hervor.

Wikipedia goes MEK 3

Wikipedia goes MEK fand im Herbst 2019 zum Dritten Mal statt. Dank der Initiative von Julius 1990 aus der Wikipedia, den MEK-Mtarbeiterinnen und Holger Plickert von Wikimedia. Das Format ist etabliert. Es gehört zur größeren Wikipedia-Bewegung namens GLAM.

GLAM

GLAM steht für „Galleries Museums Archives und Libraries“, auf Deutsch „Galerien, Museen, Archive und Bibliotheken.“ Eine Programm / eine Idee / eine Bewegung, Wikipedia und Kulturinstitutionen zusammen zu bringen. Der Gedanke ist, dass Institutionen die Inhalte haben, Wikipedia die digitale Präsenz und beide haben Kompetenzen darin, das Ganze an die Menschen zu bringen. Wikipedia und viele der GLAMs verfolgen den Traum, die Welt durch Bildung und Kultur besser zu machen.

Blick in die Ausstellung CommixConnection im MEK. Am Ende des Raums ein Fadenbild, dass die verschiedenen Orte zeigt mit denen sich die Ausstellung beschäftigt. Rechts an der Wand ein Comic über die Azstellung, links weitere Comics.
Blick in die Austellung comiXconnection. Rechts an der Wand der Comic über Entstehung und Ablauf der Ausstellung. Von: Medea7 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.

Die GLAM-Idee kommt aus dem englischen Sprachraum. Dort sind „GLAMs“ ein fester Begriff auch ohne Wikipedia. Diese Institutionen sind oft finanziell und organisatorisch schlechter gestellt als im hochkulturbegeisterten Deutschland. Sie brauchen die allgemeine Öffentlichkeit.

GLAMs begannen früh sich zusammenzuschließen, gemeinsam an die Öffentlichkeit zu treten und Community-Outreach zu betreiben, zum Beispiel via Wikipedia. Wikipedia-GLAM im englischen Sprachraum kommt mir aus der Ferne oft vor, wie eine heterogene, bewegte, überraschende Masse. Vieles ist offen. Viele können sich andocken.

In Deutschland läuft es strukturierter. Hier ist das Programm fest mit Wikimedia Deutschland verbunden. Die Zugänge zu den Institutionen sind oftmals schwieriger. Umso besser ist es, so eine Dauerpartnerschaft wie mit dem MEK zu haben. Leider neigt auch das GLAM-Programm in Deutschland zu organisatorischen Verengung.

Theater und Ballett zum Beispiel sind Hochkulturinstitutionen, sprengen aber den engen Rahmen der GLAMs. Max-Planck-Institute oder Unis besitzen viel, das für Wikipedia spannend wäre. Ganz zu schweigen von Orchestern, Offkultur oder anderen Bildungseinrichtungen. Spannend wird es bei solchen Playern wie der Seemannsmission. Gerade das MEK zeigt wunderbar, wie Museum und Welt da draußen zusammenwirken können. Das MEK kann inspirieren, GLAM weiter und offener zu denken.

GLAM*


Deshalb brauchen wir GLAM*. Das * als Zeichen dafür, dass GLAM noch viel mehr umfasst als nur diese drei Bereiche der Hochkultur. GLAM ist der Beginn aber nicht die Grenze. Bildung und Kultur sind weiter. Das hat gerade der englische Sprachraum begriffen. Gerade Wikipedia lebt von dieser Erweiterung. Museen sind ein Anfang. Und das MEK als Museum für Alltagskultur ist natürlich der beste aller Anfänge

Wikipedia goes MEK 4


Deshalb wünsche ich mir, dass Wikipedia goes MEK 2020 weiter geht. Es möge sich weiter als Basiscamp etablieren. Um von dort Museum und Welt, Alltagskultur und kulturellen Anspruch, das hier und jetzt und die Ewigkeit der Sammlung zu vereinen. Vielleicht wäre dies die Chance für ein Meta-GLAM? Vielleicht eines zu Museumstechniken? Zur Konservierung? Zur Frage was ist Alltag? Oder wäre das zuviel?

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Die Projektseite

Wikipedia goes MEK 2.0

Ausgehen an sich.

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