Kulturgeschichte des Virtual Desktops

Zähl den Corona. „Eins, zwei, zu viele.“ Läuft noch jemand ohne Home-Office-Joggingshosenwitz herum? Meine Vorstellungskraft beflügelte die Nachricht, dass bekannte Kinder seit Tagen in Unterhosen und Feuerwehruniform durch die Gegend laufen. Wir stellen uns alle Kollegen in Unterhose mit Feuerwehrhelm vor. Oder besser nicht.

Noch ein Leser, der keinen Mönch zitiert hat, welcher sagt, man solle viermal am Tag Joga machen, weil man andernfalls spontanverwahrlost? Sind die abschließenden Fragen der Videokonferenz-Etikette geklärt? Wurde das Heim-Wlan so aufgerüstet, dass es ohne Wackeln läuft? Fragen für das Home Office. Aber diese Fragen stelle ich nicht.

Fangt ihr an zu schreien, wenn ihr das Wort „Home Office“ hört? Gehen Euch die Mitbewohner auf die Nerven?

Dann wird es Zeit für die Kopfschmerzthemen. Die Themen, die die Gedanken auf die nervenden Aspekte fokussieren: Was passiert technisch?

Meine Frage, die ich angehe: Was passiert zwischen Home Office und Unternehmen? Wie kommt das Office ins Home? Wie die Unternehmensdaten? Wie kann ich gemeinsam mit Kollegen an vertraulichen Dokumenten arbeiten.

Sofern nicht die komplette Infrastruktur in „die Cloud“ abgewandert ist, stellt die Verbindung via VPN das Alltagsgeschäft des Home Offices dar. Der Rechner im Zuhause und das Intranet stellen eine verschlüsselte Verbindung auf. Datenpakete fließen vom Home zum Server und wieder zurück. Das ist der Alltag für die meisten.

Aber es ist nicht der einzige Weg.Es existieren zahlreiche weitere Lösungen. Mir hat es jetzt eine Nische angetan: der virtuelle Desktop.

Was ist ein virtueller Desktop?

Ein virtueller Desktop ist ein Desktop, der nicht existiert. Es ist eine Oberfläche, die den Anschein erweckt, ein normaler Windows-PC zu sein. Aber in Wahrheit lebt der virtuelle Desktop im Serverschrank.

Aus Sicht der User ist die Sache einfach: Ich melde mich an. Auf einem anderen System. Und es sieht aus wie ein PC. Es kann das, was ein PC kann. Und es reagiert, wie ein PC reagieren würde. Es ist ein PC, der von einem Server simuliert wird. Dann ist ein Virtual Desktop.

Aus Anbieter- und Technikseite gestaltet die Sache komplizierter. Technisch wartet kein kompletter Desktop auf den User. Es warten Betriebssystem, Software und persönliche Einstellungen des Users. Diese werden erst in dem Moment zu „einem Desktop“ zusammengesetzt, in dem der User zugreifen möchte.

Illustration ausIllustrated History of Furniture, From the Earliest to the Present Time.  Erschienen 1893 by Litchfield, Dargestellt ein Marqueterie escritoire by David, der Marie Antoinette.gehört haben soll  (Jones Collection, South Kensington Museum.) N.B. in the Jones Collection in 1893!
Nicht-virtueller (physischer) Desk.

Unübersichtlicher wird es von der Marketingseite. Alle beteiligten Anbieter sind bestrebt, als innovativ dazustehen. Sie wollen nicht Begriffe und Protokolle des Konkurrenten. Alle Anbieter sind bestrebt, jeden Begriff, der am Markt etabliert ist, als Marke zu schützen und den Konkurrenten die Verwendung zu verbieten.

Das Konstrukt bekommt verschiedene Namen. Verbreitet sind VDI (Virtual Desktop Infrastructure), HVD (Hostet Virtual Desktop), Desktop Virtualisation oder (DaaS) Desktop as a Service. Die größten Player sind Citrix (XenDesktop), Microsoft (Hyper-V), und VMware (Horizon View).

Die Journalisten, die einen Allgemeinbegriff prägen könnten, haben sich nicht bemüht. Das Thema ist zu abseitig und mit seiner Verortung im klassischen White Collar Business zu uncool, als dass sich Tech-Erklärer von New York Times über Wired bis zu Peter Glaser dem Thema angenommen hätten.

Nicht einmal die Wikipedia wird dem Thema gerecht. Die deutsche Wikipedia beschränkt sich auf einen peinlichen Marketing-Text. Die englische Wikipedia verliert sich in der Komplexität ihrer selbst.

Ich bleibe bei der Bodenperspektive. Ein virtueller Desktop ist eine virtuelle Maschine, auf die ein Anwender aus der Ferne zugreift. Sie läuft auf einem Servercluster. Für den Anwender In der täglichen Arbeit ergibt sich wenig Unterschied darin, ob er an einem Hardware-PC sitzt oder am virtuellen Rechner..

Die Dialektik der Computerei schwankte in den letzten Jahrzehnten zwischen zentralen Ansätzen mit Mainframe/Server/Cloud als These und persönlichem Geräten wie PC als Antithese. Der Virtual Desktop versucht die Synthese.

Grundsätzlich

Auf einem Server laufen verschiedene virtuelle Maschinen. Diese sind je mit einem Betriebssystem ausgestattet. Die Maschinen laufen unabhängig voneinander. Sie beeinflussen sich gegenseitig wenig. Jeweils auf eine dieser Maschinen kann ein Anwender zugreifen. Er kann dort Programme seiner Wahl ausführen.

Die Maschinen können eine Standardversion (non-persistent VDI) sein. Bei der erhalten die zufällig eine genormte Maschine. Diese ist für alle Anwender identisch. Sie hat dieselben Daten. Auf ihr laufen dieselben Programme. Oder die Maschinen sind individuell (persistent VDI). User können dort Software installieren. Sie können den virtuellen Rechner an die persönlichen Bedürfnisse anpassen.

Bei Letzteren ist der Aufwand höher, da nicht ein beliebiger Virtual Desktop aus Standardteilen zusammengesetzt werden kann. Es muss der komplette Inhalt des Desktops vorgehalten werden. Der für jeden User anders ist. Wenn IT Guys etwas hassen, dann Systeme, die für jeden User verschieden sind.

Zum Zugriff bedarf es keiner besonderen Hardware. Es kann zum Beispiel ein rudimentärer Thin Client oder Zero Client zur Anwendung kommen. Der kann nichts außer sich mit der virtuellen Maschine zu verbinden. Oder der Anwender kann ein Privatgerät nutzen und mit diesem die Verbindung aufbauen. Software und Dateien (und Viren und Schadprogramme) des User-Rechners und der virtuellen Maschine haben keinen Einfluss aufeinander.

Die eigentliche Rechenleistung findet auf den virtuellen Maschinen statt. Der User-Rechner wird gebraucht, um Mouse- und Keyboard-Eingaben zu registrieren. Es werden keine Daten übertrgaen. Der physische Monitor stellt nur den Bildschirminhalt des virtuellen Rechners dar.

Kulturgeschichte

Ich stehe vor meinem Ansatz, eine Kulturgeschichte zu schreiben, und scheitere. Zu sehr verwirbeln die Definitionen und Entwicklungen Zu wenig haben sich Menschen mit dem Thema befasst, die es reflektiert aus der Ferne angehen. Es bleibt beim Versuch einer gescheiterten Geschichte: der Chronologie. Bevor wir die Fakten verstehen, müssen wir ihrer habhaft werden.

Mainframes und Virtual Machine

Alt ist das Thema mit dem eigenen begrenzten Gerät auf die Rechenpower eines Servers zuzugreifen. Die gesamte frühe Entwicklung der Rechnerei lief über Mainframes. Viele User teilten sich einen Rechner. Wenn sie Glück hatten, hatten sie einen eigenen „dummen“ Anschluss, der Zugriff auf die zentrale Rechenpower des Servers erlaubt.

Die „Revolution“ der frühen 1980er mit den ersten Apples, IBM-PCs und anderen lag darin, dass jeder einen vollwertigen Rechner nutzen konnte. Es löste die User vom Server. Es erlaubte eigenständiges Arbeiten mit den eigenen Ressourcen. Die digitale Revolution, die wir in den letzten Jahrzehnten erleben, wäre ohne individuelle Rechner nicht denkbar.

Sachgeschichte

Vom Wikipedia-Artikel-Entstehungs-Kriterium zur Bestimmung der Basisrelevanz ausgehend, bekam das Thema Virtual Desktop zwischen 2005 und 2010 weitere Öffentlichkeit. Der deutsche Wikipedia-Artikel entstand 2007. Die Tatsache, dass das Thema nie abhob, sieht man daran, dass der Wikipedia-Artikel seit 2007 unverändert blieb. Der englische Artikel entstand 2006. Er bekam seine heutige Gestalt im Wesentlichen zwischen 2010 und 2015. Die Zeit der Diskussionen zum Artikel fand 2014 statt.

Vor der Wikipedia-Relevanz erfolgte die Entwicklung. Als Jahr der Erfindung gilt das Jahr 2002, in dem Kunden von VMWare anfingen „komplette“ Desktop Rechner auf VMWare-Servern zu installieren. VMWare griff das Konzept auf. Das Unternehmen entwickelte aus der Idee ein komplettes Produkt. 2005 stellte VMWare den „Connection Broker“ vor, der die virtuellen Desktops und den Zugriff darauf verwaltete. Im selben Jahr entstand ein ähnliches Programm von „Propero“ (später:HorizonView), das VMWare später kaufte.

2006 gelang es VMWare IT-Schwergewichte wie Citrix, HP, IBM, Sun, und Wyse Technology ins Boot zu holen. 2007 kam das Produkt VDM (Virtual Desktop Manager) 1.0 auf den Markt, das den Beginn der allgemeinen Verbreitung von virtuellen Desktops signalisierte. VMWare glänzte in den frühen Jahren mit dem bis dahin größten Anwendungsfall: der Bank of Tokyo, die 50.000 virtuelle Desktops betrieb.

2009 strebten „zahlreiche neue Anbieter“ auf den Markt. Anhänger des Systems riefen 2009 und 2010 und 2011 und 2012 zum „Jahr des Virtual Desktops“ aus, in dem dieser endgültig den Durchbruch schaffen sollte.

Der oft zitierte Durchbruch fand nie statt. Bis 2015 war es zum „Running Gag“ geworden, dass das nächste Jahr das Jahr des VDI werden wird. Im selben Jahr antworteten 33 Prozent der „Organsationen“ bei einer fragwürdigen Umfrage, dass sie VDIs nutzten. Eine Zahl, wenig über die Menge der Nutzer sagt aber einiges darüber, was man 2015 Lesern als plausibel zumuten konnte.

Um die 2010er kamen Programme wie Google Drive, Dropbox und andere Cloudanwendungen auf. Während diese zwar Nutzern und Anbietern wesentliche Teile der Kontrolle entrissen, waren sie einfacher und preiswerter. Die Cloud schaffte den durchbruch, von dem VDIs träumten. VDIs wurden nie zur Massentechnologie. Sie blieben auf die Bereiche der Computerei beschränkt, in denen Menschen Aufwand an Kosten und Komplexität auf sich nahmen, um Kontrolle zu behalten.

Mittlerweile erscheinen Artikel, die vom Ende des Traums sprechen und vom Hype, der nie erfüllt wurde. 2018 griffen selbst Menschen von VMSphere das Thema auf: „Is VDI dead“ (Antwort: Nein)

Es ist nicht einfach

Verkäufer und Anhänger des Prinzips werben seit 15 Jahren, dass Virtual Desktops günstiger und einfacher sind als Hardware-PCs. Keine einzelnen Geräte mehr, die kaputt gehen können. Kein Ärger damit, Software auf tausend verschiedenen Geräten aufzuspielen. Keine User mehr, denen man hinterherlaufen muss. Keine vertraulichen Daten, die den eigenen Serverraum verlassen. Nach „Außen“ geht nur der Bildschirminhalt. Ist die Verbindung getrennt, gibt es keine Daten im Außerhalb.

Das stimmt eingeschränkt. Im Normalbetrieb sind die physischen Rechner regelmäßig im Netzwerk. Sie können zentral gewartet werden.

Im Betrieb zeigten sich Nachteile: Für den Zugriff auf den Virtual Desktop ist zwingend eine Internetverbindung nötig. Offline-Arbeiten ist nicht möglich. Der Thin Client allein ist sinnlos. Oder der User hat ein echtes Hardware-Gerät. Dann entstehen die Kosten doppelt: Sie entstehen für die physische Hardware und ebenso für die virtuelle. Softwarelizenzen werden nicht preiswerter, wenn die Software auf virtuellen Geräten läuft. Vor allem steigt die Komplexität der Abrechnung und Verwaltung der Lizenzen.

In den ersten Jahren zeigte sich, dass die damaligen Netzwerkverbindungen an ihre Grenzen gerieten. Zwar wurde „nur“ das Bild übertragen – wenn das Bild selber anspruchsvoll war, sei es für Grafikbearbeitung, CAD-Programme, selbst Google Earth, wurde das System unbrauchbar. Grafische Anwendungen brachten die Rechenpower vieler Server an ihre Grenzen. Komplexe grafische und Videoanwendungen sind bis heute die Achillesferse der virtuellen Desktops.

VDI fand seine Nische in zahlenlastigen Anwendungen. Dass die Bank of Tokyo der große Beispielanwender war, war kein Zufall. Virtual Desktops fanden ihre Nische im Bereich der Excel- und SAP-Helden. Sie verbreiteten sich in der Softwareprogrammierung: Beides sind komplexe, rechenaufwendige Systeme, die keine grafischen Anforderungen stellen.

Komplexität und Preise

Die virtuellen Maschinen müssen auf dem Server verwaltet werden. Das Programm nennt sich Hypervisor oder Virtual Machine Monitor. Dieser muss sicherstellen, dass diese sich nicht gegenseitig ins Gehege kommen. Wenn die User ihre Einstellungen, Links und Ähnliches mitnehmen wollen – und glaubt mir – sie wollen, dann bedarf es eines Profilmanagements.

Der Komplexitäts- und Kostenvorteil wird oft behauptet. Er lässt sich schwer in der Praxis erbringen. Einzelne Autoren gehen soweit zu behaupten, „kein VDI-Projekt hat je die Kosteneinsparungen gebracht die angepriesen wurden.“ Verglichen mit der Alternative, dass User für einzelne Anwendungen auf den Server zugreifen und kein komplettes virtuelles Betriebssystem bekommen, ist der VD wesentlich teurer und komplexer.

Vom Hype zur Nische

Virtual Desktops waren nie der Hype wie andere IT-Themen. Er wurde Alltag in bestimmten Nischen. Wahrscheinlich ist er zu sehr am klassischen PC orientiert. In alter Technik: Der Virtual Desktop war nie das Auto, sondern immer die schnellere Kutsche.

Die Evolution führte in die Nische.

Weiterlesen

Zum Thema: Wie war die Computerwelt vor den Desktop-PCs, empfehle ich den Klassiker: die Hacker-Ethik von Stephen Levy.

Seiner Zeit voraus war das 2012 erschienene Buch: The VDI Delusion Update des Autors 2018: VDI is fine. Not great but fine. In der Nische.

Cooles Fundstück, über das ich bei der Recherche stolperte: Das Thomas-Krenn-Wiki ich mag aktuelle, gepflegte Wikis.

Alles zu Online in Iberty.

3 Gedanken zu „Kulturgeschichte des Virtual Desktops

  1. Pingback: Digitales Zertifikat Erklärung – Mit dem Fahrrad auf der Daten-Autobahn

  2. Christine

    „Fangt ihr an zu schreien, wenn ihr das Wort „Home Office“ hört?“

    Ja! Noch ein Scheinanglizismus, wir haben ja noch nicht genug davon. Wah! Work from home oder Heimarbeit. Ist doch gar nicht kompliziert.

    • admin

      Ich finde es ehrlich gesagt gar nicht so einfach. Angefangen damit, dass viele Arbeitgeber eine Unterscheidung zwischen Mobile Working (’nimm den Laptop mit nach Hause und arbeite auf eigene Gefahr‘) und Home Office (vertraglich geregelt, Arbeitgeber stellt ergonomisch angemessene Stühle, Monitor et cetera) machen. „Heimarbeit“ ist für mich im Wesentlichen Kugelschreiber zusammenstecken, Fragebogen abtippen und andere unerfreuliche Tätigkeiten. Die Bürotätigkeit-ausnahmsweise-zu-Hause hies in meiner Kindheit einfach „Arbeiten von zu Hause“. Mein Vater hat in den 1970ern/1980ern regelmäßig das Büro mit nach Hause genommen. Er wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, es „Heimarbeit“ zu nennen. „Working from home“ hingegen ist reines Englisch und existiert im Deutschen weder als Fremd-, Lehn-, oder Kunstwort. (Und ja, das „Home office“ gibt es auch im Englischen in ähnlicher Bedeutung: allerdings nur als konkreter Ort. Im Sinne von „Today I am in my home office and tomorrow I will be in the London City office“, nicht als Verb oder als Zustand.)

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