Russisches Zeckenwarnschild

Katwarn oder Nina? Warum zwei Apps?

Der Schlaf breitete seine fluffige Schaf-Haftigkeit über mir aus. Die Lichter wurden dunkel. Einzelne Gedankenfetzen huschten durch mein leeres Hirn wie Elektronen durch das All. Die Stimme des Radiosprechers verschwand im Nebel.

„Brr brr“ – das Handy vibrierte. Wieder besseren Wissens nahm ich es hoch. Schaute darauf. DJ Hüpfburg hatte geschrieben: „Willst Du nicht mal einen Roman schreiben. Der Zombieuntergang erzählt durch Hochzeits-Artikel in der New York Times?“ Mit letzter Kraft gelang es mir das Fragezeichen auf der Tastatur zu treffen und zu senden.

Hüpfburg: „Die Hochzeitsartikel der New York Times. Du kennst die? Die New York Times beschreibt die schönsten, tollsten Hochzeiten. RomCom in echt. Wie das Paar sich kennenlernte, ihre Eltern, was sie so machen, die Verwerfungen auf dem Weg zur Hochzeit. Wie sie die Hochzeit planten und wie sie ablief.“

Ich antwortete nicht. Versuchte mich ins rosa Schlummerland zurückzubeamen.

„Brr Brr“ – Telegram Systemnachricht: „Dietbert ist jetzt bei Telegram“. Anscheinend träumte ich bereits. Telegram war gar nicht auf meinem Handy.

„Brr Brr Klingeling Ratter ratter Brr Brr Klingel“. Ich saß im Bett. „Nina Warn-App: Im Landkreis Märkisch Oderland herrscht Glatteis.“

So träumte ich davon, wie wir mit unserer Hochzeitsgesellschaft durch den Landkreis Märkisch Oderland flüchteten. Uns leitete Dietbert, der die aktuellen Warnungen der Katastrophenapp vor den Zombies vorlas.

Am nächsten Morgen fragte ich mich wieder einmal: Warum habe ich verschiedene Katastrophen-Apps auf dem Handy? Warum bringen sie mir grundsätzlich nur Warnungen, die für mich keinerlei Relevanz haben. Gerne über Orkane im Schwarzwald, Feuer in Eppenbüttel oder die Corona-Verordnung des Landkreises Märkisch-Oderland? Warum sind sie so langsam, bremsen mein Handy aus? Ginge das nicht einfacher?

Rätselhafte Live–Warnung: Warum hält sich der Rauch an die Landesgrenze Berlin/Brandenburg? Und warum bekomme ich die Warnung? Schönefeld ist nicht meine Hood.

Und so begann ich zu recherchieren.

Drei Apps sie alle zu warnen

In Deutschland existieren drei Warnapps. Katwarn, Nina und Biwapp. Die Apps müssen jeweils vom Nutzer auf dem Handy installiert werden. Dort kann er frei wählen, für welche Gebiete er gewarnt werden möchte. Sie bieten ebenso eine Funktion, Warnungen für den aktuellen Standort zu erhalten, egal wo er ist.

Katwarn, die älteste der Apps, wird vom Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme entwickelt und von CombiRisk, einer Tochter der öffentliche Versicherer betrieben. Sie existiert seit 2011. Wie Nina, ist sie an das MoWAS-System angebunden und verbreitet dessen Warnungen. 2021 hat sie „viele Millionen“ Nutzer.

Nina, die regierungsamtliche App, wurde vom IT-Dienstleister Materna entwickelt und vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe herausgeben. Sie setzt vor allem auf das MoWAS-System. Im Jahr 2021 hat sie 8,7 Millionen Nutzer.

Biwapp, die kleinste der Apps, wird privat entwickelt. Kreisfreie Städte und Landkreise können sich registrieren und über die App ihre Warnungen ausspielen. Im Jahr 2018 nutzten 45 kreisfreie Städte und Landkreise den Dienst, darunter Märkisch-Oderland. Auch über Biwapp werden inzwischen die Mitteilungen des Mowas-Systems angezeigt.

MoWas – das „Modulare Warnsystem des Bundes“ – reicht in seinen Ursprüngen auf die Zeit des Kalten Krieges zurück. Es dient dazu, die Warnungen aufzunehmen und an die zeitgemäßen Medien (Sirenen, Rundfunk, Apps) zu verbreiten. Als „MoWas“ existiert es seit 2011. Ein großer Monat in der deutschen Warnappgeschichte war der Februar 2019. In diesem Monat übernahmen Katwarn und Nina die jeweiligen Meldungen der anderen.

Katwarn

  • Betreiber: CombiRisk (Deutschland) TURMsolution (International – Katwarn Austria, EUWarn)
  • Entwickler: Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme
  • Im Einsatz seit: 2011
  • Nutzer: 2,3 Millionen (2017) / „Viele Millionen“ (2021)
  • Warnmeldungen von: Offizielle Warnmeldungen „der Behörden, Einrichtungen und Leistellen.“ – verschiedene Landkreise, vier Bundesländer (HH, BER, RP, SAAR), das Warnsystem des Bundes (Mowas)
  • Google Play Store 2,6 Bewertung / 4,3 MB > 1.000.000 Installationen
  • Apple App Store 3,0 Bewertung / 5,4 MB Chart #16

Katwarn war der Pionier. Im Auftrag der öffentlichen Versicherer Deutschlands entwickelte das Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme Katwarn. Betreiber der App ist die CombiRisk Gmbh, die zu 51% der SV SparkassenVersicherung – vor allem tätig in Baden-Württemberg, Thüringen, Hessen und Teilen von Rheinland-Pfalz – und zu 49% Versicherungskammer Bayern gehört.

Die App wird im Wesentlichen durch die Versicherer finanziert. Laut dem Fraunhofer-Institut: „KATWARN ist ein Gemeinwohlbeitrag der öffentlichen Versicherer“. Kommunen und Gebietskörperschaften, die Katwarn einsetzen wollen, zahlen für Implementierung, Schulung et cetera einen Festpreis.

Wie bei Nina lassen sich Warnbereiche einstellen: Die Nutzer können verschiedene Gemeinden auswählen, für die sie informiert werden wollen. Auch wird „nach Standort“ gewarnt, sofern im Handy die Standortdaten eingeschaltet wurden.

Da sich die Kernbereiche der Apps immer weiter annähern, lohnt es sich, einen Blick auf die Zusatzfunktionen zu werfen. Katwarn bietet hier Internationales: Die App ist mit dem Warnsystem in Österreich verknüpft. Es lassen sich Warnungen für Österreich einstellen, der Schutzengel verfolgt mich dorthin.

Katwarn bietet Regionales: In NRW lässt sich ein Einbruchsradar verfolgen, in Hessen und Rheinland-Pfalz Erdbebenwarnungen und Überschwemmungen kleiner Flüsse. Daraus entstand die eigenständige App Hessenwarn, die Meldungen über Vermisste, Produktrückrufe oder aktuelle Betrugsmaschen liefern kann.

Als Idee gut, in der Umsetzung gerade schwierig, ist die Existenz von Themenwarnungen für beispielsweise Großveranstaltungen oder Orte wie die Berliner Messe. Auszuwählen sind diese nicht etwa über die App, sondern über einen QR-Code, den man finden und einscannen muss.

Mangels aktueller Großveranstaltungen existieren am 26. Februar 2021 genau vier Kategorien: Messe Berlin, Produktrückruf bundesweit, Weihnachtsmarkt Frankfurt und Lukasmarkt Mayen. Die beiden Märkte stehen zwar noch im System, sind aber nicht mehr aktiv sind.

NINA

  • Betreiber/Entwickler: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe / Materna
  • Im Einsatz seit: 2016
  • Nutzer: 8,7 Millionen (2021)
  • Warnungen von: Behörden des Zivil- und Katastrophenschutzes – MoWaS, Deutscher Wetterdienst, Hochwasserportal der Länder, Katwarn-Meldungen, BIWAPP-Meldungen
  • Google-Play Store: Bewertung 3,0 Größe 28MB / >1.000.000 Installationen
  • Apple App Store Bewertung 2,7 Größe 81,7 MB / Chart #26

Nina wurde vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe entwickelt und kostete zwischen 2014 und 2021 11,2 Millionen Euro.

Mein Verhältnis zu Nina ist schwierig. Denn es ist diese App, die mir mit Vorliebe Warnungen zu Kreisen schickt, in denen ich nie war und die mich nicht näher interessieren. Anscheinend habe ich im Hintergrund einen Alles-über-Brandenburg-Alarm getriggert. So bekomme ich gerne kurz Infos auf das Handy, bei denen ich eine halbe Info lesen kann, mache die App auf, warte einen längeren Zeitraum bis alle Coronahinweise erscheinen sind. Schlussendlich erfahre ich, dass es bei Frankfurt/Oder brennt.

Auf meine Frage, warum das alles so langsam geht, versichert mir das Bundesamt, dass die Infrastruktur auf eine Nutzerzahl von 40 Millionen ausgelegt ist, nicht auf die derzeit läppischen 8,7 Millionen. Die Geschwindigkeitsprobleme lägen am Mobilfunknetz, Wlan oder den Endgeräten der Nutzerinnen und Nutzer. Also halt bei anderen. Die Lektüre der Appstore-Berichte bestätigt mir, dass ich nicht der Einzige mit diesen Problemen bin. Auch finden sich dort zahlreiche Beschwerden, dass überhaupt keine Warnungen ankommen.

Auch weiß das Bundesamt leider nicht, warum die Apple-Nina 80 MB Speicherplatz braucht, die Android-App „nur“ knapp 30 (ganz zu schweigen von den viel schmaleren Apps der anderen Anbieter.)
Etwas, das nur NINA bietet, sind die „Notfalltipps, die Nutzerinnen und Nutzern als Orientierung zum Verhalten in Notfällen gelfen.“ Die sind gut lesbar. On man dafür allerdings 30 bis 80 MB App auf das Smartphone laden will, ist eine andere Frage.

Biwapp

  • Betreiber/Entwickler: Marktplatz GmbH
  • Im Einsatz seit: 2015
  • Warnungen von: Städten und Landkreisen. Im Jahr 2018 waren es 45 kreisfreie Städte und Landkreise. Warnungen von Mowas.
  • Play Store 2,0 Sterne/ 5,9 MB / >100.000 Installationen
  • Apple Store 2,4 Sterne / 18,9MB / Chart #55

Zu den 45 Landkreisen, die Biwapp nutzen, gehört keiner an, in dem ich, oder für mich wichtige Personen, sich je aufhalten. Ungewollte Nachrichten aus Märkisch-Oderland erhalte ich bereits von Nina.

Cell Broadcast

Cell Broadcasting beschreibt die Technik, an alle Menschen innerhalb eines Gebiets per SMS Warnungen zu schicken. Die Technik ist alt, etabliert, technisch weniger kompliziert und zuverlässiger als die Apps. Auch möchte sie weniger Daten vom Nutzer als Apps.

Die Technik wird weltweit in Katastrophenszenarien genutzt. Zu den Nutzern zählen beispielsweise Japan, die USA, Kanada, the UK, Italien oder Israel. In Deutschland wird darüber nicht gewarnt. In Deutschland ist sie vor allem bekannt für die Gebührenhinweise, wenn man eine Grenze überschreitet.

Seit neuestem werden auf diesem Weg die Coronahinweise ausgespielt, wenn man die Grenze nach Deutschland überschreitet. Aber das bekommen nur wenige mit, denn das physische Überschreiten von Staatsgrenzen ist derzeit schwierig.

Die aktuellen Wartezeiten

Scheinen an Corona zu liegen. Die Apps laden beim Öffnen alle Warnmeldungen nach, unter anderem die umfangreichen Coronabestimmungen. Dafür wurden sie nicht gebaut, das System lahmt deutlich. Wobei Nina auf meinem Handy die lahmere App ist.

Katwarn oder Nina

Einige meiner Fragen sind beantwortet. Andere nicht. Vor allem rätsele ich weiterhin: Warum Apps wenn Cell Broadcast existiert? Warum Internet, wenn Sirenen im Katastrophenfall das System sind, das deutlich weniger störanfällig ist? Warum Nina? Der Staat hat die Möglichkeit, ein technisch und politisch einfacheres System zu betreiben. Zumal mit Katwarn eine ältere, etablierte, besser funktionierende App existiert. Warum also eine App, die langsam ist, nur wiederholt was andere schon können? Warum verlegt sich der Staat nicht darauf, Einrichtungen zu betreiben, die nur er betreiben kann – MoWas, Sirenen – und das Ausspielen anderen zu überlassen.

Für die persönliche Entscheidung stellt sich für Paranoiker wie mich, keine Frage: Beide. Es scheint ratsam, hier doppelt abzusichern. Vielleicht funktioniert eine der Apps. Wenn allerdings, wie beim Warntag im Sommer 2020, vor allem das Backend ausfällt, helfen auch drei Apps nicht.

Meine persönlichen Erfahrungen zeigen, dass Katwarn zuverlässiger und schneller reagiert als Nina. Mein Wunsch an die Welt für deutsche Katastrophenwarnungen wäre Cell-Broadcast für schnelle, akute Meldungen.

Ergänzt wird es um eine App, die dann alles zwischen Notfallhinweisen, Coronawarnungen, und frei einstellbare zusätzliche Warnungen für weitere Gebiete und Veranstaltungen bringen könnte.

Wenn man den Kernbereich („Achtung, Rakete im Anflug, Sofort in den Keller“) und weiteren Funktionen besser differenzierte, wäre einiges möglich. Cell Broadcast und Sirenen für die echte Warnung, Apps für vieles im inhaltlich angrenzenden Bereich.

Nicht Neuland. Aber zuverlässig: Sirene. Bild: A Siren Placed on a Tall Building to Warn Against Air Raids. Aus: : The people’s war book; history, cyclopaedia and chronology of the great world war (1919), Public Domain

Als Beispiel: Eine unabhängige App, aber zum Katwarn-Imperium gehörend, ist die App Katretter. Diese kann Ersthelfer in der Nähe einer Unglücksstelle alarmieren. Unter anderem hat die Berliner Feuerwehr diese im Einsatz. Madame wurde bereits zu einer Ersthilfetat gerufen.

Vor allem würde ich es bevorzugen, im Jahre 2021 eine Infrastruktur zu haben, die mich tatsächlich und zuverlässig vor Katastrophen warnt. Dorthin scheint es ein weiter Weg zu sein.

Beitragsbild: Tick warning sign. Von: Maria Borisova Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported